5. aus dem Abschlussbericht der Arbeitsgruppe
„Bildungsprojekt Schule für Geistigbehinderte
Stand: 04.12.2004“ (S.29 – 30 und 38)
Lebensweltorientierter Unterricht
Als Entscheidungshilfe für das Arrangement von Unterricht, wird ein'lebensweltorientierter Unterricht' vorgestellt. Der Begriff Lebenswelt drückt aus, dass Menschen grundsätzlich in einemkonkreten Verhältnis zu sich, anderen Menschen, Dingen und Institutionen
stehen.
• Wir haben nicht nur ein Verhältnis zur Vergangenheit, wir sind dies auch. Dies bedeutet, dass beispielsweise vergangene Erfahrungen unser gegenwärtiges Befinden, unsere Bedürfnisse, unsere Wünsche und Vorlieben, unser Verhalten, mit beeinflussen
(= Lebensgeschichte der Schülerin / des Schülers)
• Ebenso verhält es sich mit unserem gegenwärtigen Leben: Wir ‚sind’ auch die Verhältnisse in denen wir leben: sie prägen unser Verhalten, unsere Erfahrungen, Wünsche, etc. (= Lebenslage)
• Das eigene Erleben der Schülerinnen und Schüler, ihr Erleben der Beziehungen zu anderen Menschen, des Umfeldes, Institutionen etc. und den dafür notwendigen Unterstützungsleistungen (= Lebenssituation)
• Unsere Zukunft sind wir in gewisser Weise auch bereits jetzt, weil Perspektiven, Chancen zu haben oder aber diese für sich nicht wahrnehmen zu können unser konkretes Leben, unser Lebensgefühl,unsere Identität sehr mitbestimmen können.
(= Lebensperspektiven)
Der Begriff Lebenswelt drückt diese individuelle Situation, aber zugleich auch eine allgemeine oder soziale Situation aus. Denn mit dem individuellen ‚Wie’ der vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Lebenswelt sind immer andere Menschen, Institutionen, Sachen, Gesellschaft, Normen, Regeln,Gesetzte etc. verbunden. Insofern drückt der Begriff ‚Lebenswelt’ die unserem Leben zugrunde liegende und durchwirkende Art und Weise aus, wie wir in der Lage sind, uns in der Welt zu orientieren und zu vergewissern. Dabei ist das Wahrnehmen von relativen Bezügen in unserer Gesellschaft von besonderer Bedeutung. Dazu gehören vor allem Maßnahmen, die die Normalität wiederspiegeln. Die Art und Weisen, wie wir uns orientieren und vergewissern, sind daher
individuell und zugleich auch allgemein. Daher darf sich ein ‚lebensweltbezogener’ Unterricht in seinen inhaltlichen Erziehungs- und Förderangeboten nicht nur an den individuellen, schülerorientierten Bedürfnissen, Lern- und Entwicklungserfordernissen ausrichten. Diese inhaltlichen Erziehungs- und Förderangebote spiegeln stets auch fundamentale / elementare Bildungsgüter der Gesellschaft wider.Ein lebensweltorientierter Unterricht bezieht sich auf konkrete Bedingungen der einzelnen Schülerin und des einzelnen Schülers, welche zugleich Grundmuster allgemein menschlicher Existenz sind. Sie sind gesellschaftlich, historisch und kulturell bestimmt.
Die Bildungsinhalte
spiegeln daher Grundsituationen menschlicher Existenz.
• Wohnen
• Essen
• Erholen
• Sich pflegen lassen
• Arbeiten
• Feiern
• Spielen
• Welt und Dinge
• Krankheit und Gesundheit
• Musik
• Theater
• Bild
• Schrift und Zahl
• Liebe
• Geschichte und Geschichten
• Tod
• Leid und Schmerz
• Medien
• Bewegung und Mobilität
• Geschlecht und Generation
• Pflanzen
• Tiere
• Elemente
• Institutionen
• Verkehrsformen (Geld, Tausch, Regeln bei jeder Art von Verkehr
• Sprechen und Sprache(n)
• Kultur(en)
• Religion(en)
• Form, Farbe und Zahl
• Identitätsbildung
• Bewegung, Körperkultur
• Methoden und Strategien des Lernens
Unterrichtliche Inhalte
Ein lebensweltorientierter Unterricht nimmt die Spannung zwischen individuellen (lebensgeschichtlichen) Voraussetzungen der Schülerinnen und Schüler und allgemeinen Bedingungen, Erwartungen und Anforderungen auf. Inhalte des Unterrichts sind daher lebensgeschichtliche und zugleich beispielhaft allgemeine Bedingungen menschlicher Existenz. Hierzu zählen Wohnen, Arbeit, Freizeit, sich pflegen, sich bewegen, Musik, Tanz, Sprache(n) etc. Sie sind ökonomisch, sozial, politisch, historisch und religiös verfasst und können durch gesellschaftlichen Wandel oder Wechsel der Anforderungen und Erfordernisse erweitert oder verengt werden. Daher werden die Bildungsinhalte als offener Katalog dargestellt (siehe Seite 29). Diese Inhalte tragen dazu bei, Kompetenzen zu erfahren, sie zu erwerben, zu erproben, zu üben und zu variieren.


